Myofasziales Schmerzsyndrom – Andreas Sandner-Kiesling

Das myofasziale Schmerzsyndrom – auch Triggerpunkt-Syndrom genannt – gehört zu den häufigsten Ursachen für länger bestehende Schmerzen im Bewegungssystem.

Langfristige Muskelverspannungen führen über die Dauerverkrampfung zur lokalen Ausbildung von Muskelknötchen, typischerweise am Anfang und Ende eines Muskels, bei langen Muskeln auch in der Mitte. Das sind die Triggerpunkte. Durch eine Störung im Zellstoffwechsel kommt es zur Dauerkontraktion der Aktin-Myosin-Filamente in diesen Bereichen. Das Ergebnis: Der Muskel wird „hart“, ist spürbar verkürzt, nicht mehr so leistungsfähig und belastbar wie zuvor, und – ganz entscheidend – löst einen ausstrahlenden Schmerz in der Funktionskette des Muskels („Muskelkette“) aus. Und das löst beim Patienten pure Panik aus: Er interpretiert dies fälschlich als einen Nervenschmerz, ausgelöst durch eine Nervenkompression.

Vier Kriterien definieren einen Triggerpunkt, und davon unterscheidet er sich von einer Myogelose:

  1. Das „Taud Band“, also eine lokale Verhärtung im Muskel, meist rund und kugelig bzw. flach wie eine Linse, selten länglich.
  2. Das „Twitch Sign“, ein Zucken im Muskel, wenn man den Triggerpunkt stimuliert
  3. Das „Jump Sign“, wenn der ganze Patient zuckt oder „ausfährt“
  4. Und der „Referred Pain“, also der ausstrahlende Schmerz, der in seinem Verlauf oder in seiner Ausbreitung weder jener einer Nervenwurzel (Dermatom = „Schmerzband“) oder einem peripheren Nerven entspricht.

Die primäre Ursache ist üblicherweise eine Fehlstellung eines oder mehrerer Gelenke. Im Versuch diese Fehlstellung zu korrigieren beginnt der Muskel sich korrektiv anzuspannen. Irgendwann entwickelt sich der primäre Triggerpunkt, üblicherweise wirbelsäulennahe. Da Muskeln ebenso üblich in einer Muskelkette gemeinsam aktiv werden und Bewegungen durchführen, folgt bald auf den primären der sekundären Triggerpunkte, usw., bis die ganze Muskelkette triggert.

Ein klassisches Beispiel dafür ist die ISG-Blockierung. Zuerst reagiert der ipsilaterale Piriformis in der Akutphase mit Schmerzen im ipsilateralen Gesäß- und Trochanterbereich („Bursistis trochanterica“).. In der chronischen Phase beruhigt sich jedoch der ipsilaterale, dafür meldet sich jetzt der überlastete kontralaterale Piriformis, also auf der gegenüberliegenden Seite. Auf die ersten Triggerpunkte in diesem Muskel meldet sich bald darauf sein Antagonist in der Bewegung, der Glutaeus minimus. Und diese neuen Triggerpunkte strahlen ins Bein hinunter aus: Ober- und Unterschenkel außen bis zum Außenknöchel, oder Oberschenkel und Wade hinten, wenig überraschend fälschlich als „Bandscheibenvorfall der Nervenwurzel S1“ interpretiert. Bestehen die Beschwerden länger, dann meldet sich irgendwann der Iliopsoas, Spitzname „Der Verdecker“: Oberschenkel und Leiste vorne, teilweise in der LWS. Und er ist mit seinen Schmerzen derartig präsent, dass der betroffene Patient die anderen primäreren Triggerpunkte gar nicht mehr wahrnimmt.

Therapiert wird primär das auslösende Gelenk als Motor des Verspannungsprozesses. Üblicherweise beginnt man dann wirbelsäulennahe mit dem primären Triggerpunkt, selten mit dem periphersten. Primär werden die Punkte manuell gedruckt bzw. gedehnt (Triggerpunktmassage, Faszienrolle oder –bälle, Tennisball, Kochlöffelstiel, „Spray and Stretch“ mittels Kältespray, etc.). Alternativ können Ärzte Lokalanästhetika in den Triggerpunkt einspritzen (Triggerpunktinfiltration). Wichtig ist das funktionelle Verständnis zu den Zusammenhängen in Anatomie und Bewegung sowie die Fähigkeit zwischen Nerv und Muskel als primären Auslöser zu unterscheiden.

Ziel unseres Workshops ist es selbst „Hand anzulegen“ und erste Erfahrungen, idealerweise auch Erfolge im Ertasten und Behandeln von Triggerpunkten zu sammeln. Der Schwerpunkt liegt in einer Einführung in die häufigsten Triggerpunktsyndrome der oberen und unteren Extremität.